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Vortragstext noch in redaktioneller Bearbeitung

Theodor W. Adorno
und die Aktualität des Funktionalismus

„Der Akademie der Künste ist es eine Ehre, daß der Deutsche Werkbund für seine diesjährige Tagung Berlin und das, wenn auch fünf Jahre alte, so doch immer noch neue Haus der Akademie gewählt hat.“ Mit diesen Worten begrüßte der Schweizer Theatermacher Peter Löffler in Abwesenheit des Akademiepräsidenten Hans Scharoun am 22. Oktober 1965 die Tagungsgäste des Werkbundtages im Akademieneubau Werner Düttmanns in Berlin. Vor Löffler hatte der soeben zum Ersten Vorsitzenden gewählte ehemalige Berliner Senator für Wissenschaft und Kunst, Adolf Arndt, die Gäste willkommen geheißen und mit der Einladung der damals prominentesten kritischen Philosophen der Bundesrepublik Deutschland ein erstes Zeichen seiner Amtszeit gesetzt. Denn zum Thema der Werkbund-Jahrestagung „Bildung durch Gestalt“ hatte Arndt den in Frankfurt am Main lehrenden Philosophen Theodor W. Adorno um Mitwirkung gebeten und auf dessen Anregung auch den inzwischen in Tübingen ansässigen kritischen Marxisten Ernst Bloch als einen weiteren Vertreter jener Nachkriegsintellektuellen als Referenten gewonnen, die sich der selbstzufriedenen Wiederaufbaumentalität der Bundesdeutschen Kulturpolitik diskursiv entgegenstellten.

In diesem Rahmen hat Theodor W. Adorno vor 50 Jahren seinen wegweisenden Vortrag „Zum Problem des Funktionalismus heute“ gehalten. Im Verzicht auf die Präsentation einer leicht eingängigen Definition, was denn Funktionalismus sei, umkreiste Adorno im Hinwies auf die Werkbundgeschichte und die des Bauhauses in ausgewogenen Argumentationssträngen zentrale Begriffe der autorisierten (Architekten)-Schriften zum Phänomen des Funktionalen, um gleichsam im Fingerzeig auf seine im Entstehen begriffene Ästhetische Theorie den Stellenwert des Funktionalismus zwischen Zweckgebundenheit und künstlerischer Phantasie (fait social und Autonomie) einzukreisen und als Denkaufgabe, was “Funktionalismus heute“ sein könne, an die Produzenten des Bauens zurückzugeben: „Ästhetisches Denken heute müßte … über den geronnenen Gegensatz des Zweckvollen und Zweckfreien … (hinausgehen).“ Was war damit gemeint? Und sollte die Postmoderne in der Architektur das, was hier intendiert war, tatsächlich realisieren?

Viele der damals von Adorno angesprochenen Bezüge, die auf die sozialen und ökonomischen Bedingungen der modernen Architektur, Kunst und Musik hinweisen, sind mit der Modernekritik später aus dem Blick geraten. Interessanterweise lässt sich derzeit allerdings eine gewisse Renaissance der Adorno Lektüre feststellen, wenngleich sich die Einschätzung gegenüber der Kritischen Theorie im allgemeinen und der angenehm leichten Ironie gegenüber dem Mitverfasser der „Dialektik der Aufklärung“ im besonderen divergent äußert. Immerhin erfahren wir derzeit, dass „Professor Adorno am Flipper nicht zu schlagen war“ (FAZ 17. 11. 2015) und nicht nur im Deutschlandfunk hört man den Satz, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, von Zeit zu Zeit wie ein Motto zum Zeitgeist gerne referiert. Wenn der Begriff des „Funktionalismus“ – wenn überhaupt – heute eher abfällig beiläufig gebraucht wird, so bleibt doch die Überlegung virulent, warum Adornos Beitrag damals große Wirkung zeitigte und was sich in seinem Text für unsere Zeiten der verfeinerten Automatisierung und Roboterisierung von Gebäuden und Alltagsdingen von neuer Aktualität erweist.

Die Tagung des Werkbundes Berlin möchte in Kooperation mit der Akademie der Künste mehrere Facetten dieser Adorno Rede in Erinnerung rufen, um sie in die jeweiligen und heutigen Zusammenhänge einbinden zu können. Dieser Ansatz wird auf zwei Ebenen verfolgt werden. Der Nachmittag des 5. Februar wird kürzere Einzelbeiträge zum Thema umfassen; eine abendliche Podiumsveranstaltung soll Architekten, Gestalter und Theorieproduzenten zusammenführen, um zu prüfen, was Adornos Beitrag zum Funktionalismus für die Herausforderungen unserer ins Virtuelle sich verlagernden Zeiten heute bietet.

Prof. Dr. Karin Wilhelm

Webdesign SOLID Labs