Vorträge

Vortrag Hamburg

30. 1. 2019, BDA Hamburg.

Karin Wilhelm

Räumliche Identitätsmuster in kritischen Zeiten

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Zunächst einmal möchte ich mich für die ehrenvolle Einladung in den BDA Hamburg bedanken, zumal für mich ist dieses Ereignis von besonderer Bedeutung ist. Denn in Bremen aufgewachsen, bin ich heute in der mit ihr seit längerem konkurrierenden „Schwesternstadt“ zu gast, wie der an der Weser geborene Fritz Schumacher sein späteres Elbflorenz einst nannte. Immerhin werden wir Mithanseaten von der Weser von ihnen gerne ein wenig etepete beäugt – eine Betrachtung, die angesichts der Wirtschaftsentwicklung der beiden Hafenstädte nicht ganz unberechtigt erscheint. Doch ich kann nicht verhehlen, dass zumindest, was den Fußball betrifft, das kleine Bundesland derzeit ein nicht zu unterschätzendes Gegengewicht ins Feld führen kann, eben jenes „bin all doa“, mit dem sich Bremen zumindest auf dem grünen Rasen eine Nasenlänge vorne sieht – Uwe Seeler möge diesen Aspekt aus der kickenden Werderperspektive verzeihen. Dass ich also mit diesem biografischen Hintergrund heute hier spreche, bezeugt eben jene hanseatische Weltläufigkeit, für die die Freie und Hansestadt Hamburg seit langem gerühmt wird. Fritz Schumacher hat sie in seinen Lebenserinnerungen auf seine Art beschrieben als er notierte, dass in der guten Hamburger Gesellschaft nicht nur Einheimische, „sondern Persönlichkeiten aus aller Welt … „ willkommen seien und ich möchte ergänzen – auch solche, die wie ich nur um die Ecke wohnen.

Diese kosmopolitisch geprägte Haltung repräsentiert auch der BDA Hamburg seit vielen Jahren. Gehört er doch zu jenen Verbänden im Gesamtverbund Deutscher Architekten und Architektinnen, der sich mit der Aufgabe, die „Qualität des Bauens in Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und Umwelt im geistigen Wettbewerb heben und fördern“ zu wollen, ich möchte sagen, ein gut gewähltes hanseatisches Motto. Dass dieser Anspruch dabei unbedingt zukunftsorientiert und im besten Sinne optimistisch erfolgsorientiert ausgerichtet ist, eben dieses Selbstverständnis hat im Vorfeld meiner Einladung eine gewisse Irritation hervorgerufen. Worin sie bestand? Nun, ich habe mit meinem Vortragstitel „Räumliche Identitätsmuster in kritischen Zeiten“ eine Formulierung gewählt, die nicht so optimistisch klingen will wie es die Selbstverpflichtung Ihres Verbandes für die Arbeit des kommenden Jahres zum Thema “Umgang mit dem baulichen Bestand – Appell zum Dialog“ intendiert. Denn ihr Ziel ist es ja, den „Schutz der baulichen Identität der Stadt“ aktiv und erfolgreich auf- und auszubauen. Und dazu braucht es Mut, Widerspruchsgeist und vor allem den beliebten good spirit. Der aber bleibt in meinem Blick auf die kritischen Zeiten zugegebenermaßen eher schemenhaft, weshalb ich mit Ihrer klugen und umsichtigen Geschäftsstellenleiterin Hildegard Kösters ein ungemein anregendes Telefonat darüber geführt habe, ob es sich mit meinem Titel nicht um eine zu sauertöpfisch klingende Formulierung handele.

Nun, bei unserem Hin und Her der Plauderei über den Wert von Optimismus, Skeptizismus oder Pessimismus kamen Frau Kösters und ich schließlich auf einen wesentlichen Aspekt menschlicher Weltansichten zu sprechen, die angesichts der globalen Krisen eine Lageeinschätzung nach dem Prinzip des halbleeren oder halbvollen Glases vorzunehmen gewohnt sind. Dass dabei gerade die Hamburger offenbar zur Skepsis neigen, hat vor vielen Jahren ihr langjähriger Oberbaudirektor Egbert Kossak notiert. „Die Hamburger“, so schrieb er, seien – stets geneigt, das Glas eher halbleer anstatt halbvoll zu betrachten-„ (S.12) Wozu die Hamburgerinnen neigen, ob sie das Glas als halb geleert oder als halb gefüllt ansehen, erfahren wir aus Kossaks Darlegungen von 1993 nicht – aber vielleicht sind die Hamburgerinnen ja optimistischer veranlagt und begleiten den Aufruf des BDA zum Dialog mit aufmunternder, wenngleich glasklar analytisch gelenkter, eben nachdenklicher Aufmerksamkeit.

Wie dem auch sei, ich jedenfalls fühle ich mich dieser Haltung verwandt, wenn ich heute von räumlichen Identitätsmustern sprechen möchte, die soeben in kritischen Zeiten neu verhandelt werden – in Hamburg und anderswo. Schließlich kennen wir die vielfältigen Problemlagen unserer Stadt- und Landschaftsräume, wissen um den ökonomischen Druck auf die Grund- und Bodenverwertung, verfolgen die sozialen Umwertungen der Werte im Feld der Arbeitsproduktivität durch die Automatisierung und beobachten die Debatten um kulturelle Identitätszuschreibungen im Zuge von Zuwanderungen in die BRD beunruhigt, doch mit offenen Augen. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht über das Anthropozän mit der globalen Klimaveränderung lesen, über Neuheiten und Verheißungen einer durch die künstliche Intelligenz geprägte smart city-Welt hören, in der neue Verkehrssysteme und Häuser selbsttätig von allem befreien, was wir um Himmels Willen derzeit noch selber erledigen müssen – Alexa lässt grüßen! – Keine Woche verläuft ohne sozialpolitisch fundierte Empörung über steigende Mieten durch Immobilienspekulation und eine gated community-Architektur, wie sie in Hamburgs Fischereihafen mit dem Kristall Tower des an der viel gerühmten ETH Zürich lehrenden Kees Kristianse 2011 entstanden ist. Die seit Jahren wachsende Dominanz neoliberalistrischen Verwertungsdrucks trifft derweil schon auf Gegenkonzepte genossenschaftlichen Bauens und in Berlin soeben auf Bestrebungen, sogenannte „Großvermieter“ zu enteignen. (Tagesspiegel S.7, 8.1.2019). Eben das sind die politischen, die ökonomischen und sozialen Aspekte, die den Druck auf den Städtebau, auf die Planung und die künftige Architekturentwicklung beeinflussen. Und es ist just dieses Interessengeschiebe, in dem auch darüber entschieden wird, welche Traditionen erhaltenswert sein sollen, welche ästhetischen Parameter beibehalten, weiterentwickelt oder zu vernachlässigen sein werden. Denn wie wir mit dem baulichen Bestand derzeit und in Zukunft umgehen wollen und mit welchen Akteuren wir darüber zu sprechen, zu verhandeln und zu entscheiden haben werden, welches unsere Kategorien und unsere Hoffnungen in dieser Sache sind, eben das hängt von vielen Faktoren ab; Wesentlich sind dabei nicht zuletzt die atmosphärischen Prägungen durch Emotionen und Mentalitäten der Menschen, die angesichts der Auflösung bekannter politischer Strukturen verstärkt nach Identitätsmustern suchen.

Aber was hat es eigentlich auf sich mit DER IDENTITÄT? Was versteht man darunter? Und warum ist dieser Begriff zu einem der meist diskutierten Schlagwörter der vergangenen Jahrzehnte geworden, die den Historiker Lutz Niethammer zur Jahrtausendwende veranlasste von einer „unheimlichen Konjunktur“ zu sprechen? Nicht nur in den Kulturwissenschaften, der Soziologie, Psychologie oder der Anthropologie und Philosophie wird darüber reflektiert und gestritten, was Identität eigentlich ausmache. Auffallend ist dabei, dass wir diesen Terminus heute in nahezu allen Überlegungen zur Disziplin des Städtebaus verwendet finden. Soeben lud der Präsident des BDA Heiner Farwick zur Tagung „Stadt als Lebensform“ ein, um der Frage nachgehen zu können, “welches Verständnis von Gemeinschaft, Identifikation und Freiheit wir heute in unseren Städten benötigen…“ (Einladungsbrief) Und dass er diese Identifikation offenbar im Feld des Städtebaus und dessen spezifischer Architektur angelegt wissen will, scheint doch außer Frage zu stehen. Aber wie finden wir darauf eine Antwort, zumal der Diskurs zur Identität derweil ins abgründige Fahrwasser politisch reaktionärer Identitätskonstruktionen geraten ist?

Versuchen wir eine kurze Klärung. Ob wir uns mit öffentlichen Räumen tatsächlich identifizieren, in ihnen also vertraute Partien der Unverwechselbarkeit und darin Spuren des eigenen Alltaggebrauchs, also Vertrautes erkennen, ist zunächst einmal ein individuell geprägter Sachverhalt. Insofern scheint ja die Rede von der Identität von Personen mit bestimmten Stadtarealen zumindest in Hinsicht auf subjektive Erfahrungsmuster durchaus plausibel. Als Stadtbewohnerin kenne ich mein unmittelbares Lebensumfeld, ich kenne die administrativ angelegten Bewegungsmuster der Durchquerung wie ausgewiesene Straßen, Geh-oder Radwege und auch die durch Selbstorganisation eingepassten Trampelpfade sind bekannt. Hinzu kommen Bereiche der Ruhe wie Plätze oder Parks, die unsere Ortskenntnisse bereichern und damit unsere räumlichen Erinnerungsfähigkeiten differenzieren und schulen. Es sind mithin räumliche IdentitätsMUSTER, die zunächst unser „Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen“ (S. 166 Halbwachs) prägen, um so „den „Menschen die Möglichkeit(zu) bieten, sich mit Räumen zu identifizieren“ ohne mit ihnen identisch sein zu müssen“ (Nasrin arnold, zwischen kollektivem Gedächtnis und neuorientierung)– Dieses Erleben kennt vermutlich jeder Tourist, der mit gleichsam kindlichem Gemüt neue, unbekannte Stadt- oder Landschaftsräume entdeckt, sie wahrnehmend abspeichert und hinfort als authentische Orientierungsmuster benutzten kann. Zuhause muss er sich nicht fühlen, Heimatgefühle nicht entwickeln, wozu auch, er ist ja auf der Durchreise – und wenn er sich „heimatlich„ fühlen mag, so soll auch das geschehen! Auf diesem Fundament entwickeln sich dann die Sensorien für die jeweiligen unvergleichlichen Eigenschaften eines Ortes. Geprägt durch topografisch differenzierte Modulationen,- man denke an die Treppen des Pariser Montmartre – durch Witterungseinflüsse und eigenwillige Gerüche – ich habe den Hamburger Fischmarkt in der Nase – und vor allem durch kulturell geprägte Lebensformen in verschiedenen Haustypologien für unterschiedliche Bewohnerinnen. So werden räumliche Identitätsmuster eben bis in die Straßenpflasterungen hinein in ihren Eigenarten zumeist unbewusst wahrgenommen und erlebt. Erst mit dem verändernden Eingriff treten sie ins Bewusstsein. So liefern sich zur Zeit die Bewohner des Bremer „Viertels“ heftige Gefechte, um die Überteerung des Kopfsteinpflasters in den engen Straßen zu verhindern.

In diesem Sinne findet sich der Begriff der Identität im übrigen in nahezu allen Vorträgen und Schriften wieder, die Ihr langjähriger Oberbaudirektor Jörn Walter in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat. Bei ihm begegnen wir dem Wort Identität immer dann – und das ist häufig der Fall – wenn es ihm darum geht, den Erfolgseffekt eines neu zu entwickelnden Stadtareals planerisch zu komponieren oder als ein formal und soziologisch gelungenes Beispiel vorzustellen. In diesem Zusammenhang werden signifikante Raumfiguren zitiert oder ortstypische Materialien wie der Backstein genannt, die die Baugeschichte Hamburgs begleitet haben und die wir heute beispielhaft im weltkulturerbe Speicherstadt bewundern. In der Transformation solcher Bausteine aus der hanseatischen Baugeschichte können schließlich auch brach- und Restflächen zu „lesbaren und identitätsstiftenden Stadträumen“ (Von der Großstadt zur Metropole,S.16) moduliert werden, um auf diese Weise, die neuen Areale der alten Stadt gleichsam dialogisch anzunähern. Die Grundlage dieses Prozesses ist bei Walter nach wie vor „das historische Stadtbild unserer Städte.“ (S.209) Hier treffe man und erkenne man die räumlichen Muster, die „für eine kulturelle wie auch ökonomische Identitätsbildung“ gleichermaßen tauglich sind.

Mich hat diese Vision der Versöhnung von Geld und Geist spontan an ein Städtebaukonzept erinnert, das wir aus den Debatten zur Modernisierung der europäischen Städte um 1900 kennen. Es war der in Hamburg damals hoch geschätzte Wiener Baumeister Camillo Sitte, der bekanntermaßen einen intensiven Ideenaustausch mit dem Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark pflegte, der im Umfeld der Wiener Stadterweiterungen auf die nachhaltige Bedeutung historischer Bautypologien und Raumfiguren hingewiesen hat. In einem seiner zahlreichen Zeitungsartikel zur „Kunst des Städtebaus“ hat Sitte angesichts des im Industrialisierungsprozeß forcierten Umbaus der Stadt Wien die Notwendigkeit betont, „Merkzeichen“, wie er sie nannte, einzubinden. Solche landmarks dachte er sich natürlich zur Orientierung und witterte in ihnen doch eine wesentlich dominantere Funktion. Denn mit der Fähigkeit begabt, das „Potential der Phantasie“ und vor allem das „Potential der Erinnerung“ beflügeln zu können, erkannte er in solchen Merkzeichen zunächst die Zeugenschaft für geschichtsprägende kulturell-zivilisatorische Ereignisse. Darüber hinaus deutete das Merkzeichen bereits das Potential eines Wertzuwachsgewinns an. Es konnte nämlich zur Sehenswürdigkeit geadelt werden. Noch lagen die Strategien des city marketings in den Geburtswehen, doch als Zeitgenosse der großen Weltausstellungen ahnte Sitte bereits, dass das Merkzeichen als sehenswürdige Attraktion den Handel belebt und die Stadtkasse füllt.

Wir jedenfalls, also wir stadtbewohnerinnen, realisieren zunächst einmal im Spektrum dieser räumlichen Merkzeichen, wer wir geworden sind und unter welchen guten oder schlechten Verhältnissen wir es wurden. Zu unserer Unterweisung in dieser Sache lassen sich mehrere Phänomene der Architektur entschlüsseln: dazu gehören die Baustile mit den darin eingeschriebenen Machtstrukturen; dazu gehören die unterschiedlichen Volumina und Proportionen, die uns bei genauerer Betrachtung über unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensverhältnisse informieren; und es gehören die Erzählungen in den Fassadenbildern, in den Innenausstattungen dazu, die uns über die ökonomische und sozialpolitische Wertigkeit eines Objekts unterrichten. Es sind mithin Geschichtsbilder über zivilisatorische Programme, über Gesellschaftsentwürfe und deren Proponenten, die in solchen Merkzeichen als Identitätsmuster anschaulich bleiben. Aber – und das sei betont, – erst die Gesamtheit der verschiedenen baulichen Zeitschichtungen machen in der Zusammenschau die jeweils unverwechselbare Stadtgeschichte aus. Es ist eben nicht nur der Alterswert von mehreren Jahrhunderten, sondern auch das Bauprojekt von vor 70 Jahren, das die kulturelle und ökonomische Identitätsbildung einer Stadt repräsentiert. Es ist eben die Vielschichtigkeit der gebauten Stadt mit ihren heterogenen Stadtteilen, in denen die Stadtgeschichte in ihren Konfliktkonstellationen, in ihren guten ebenso wie in die kritischen Zeiten sichtbar bleibt.

Was wir in diesen polymorphen Zeitschichtungen der Städte zunächst nicht erkennen können, ist dann allerdings die Antwort auf die Frage, wer überhaupt über den kulturellen und den wirtschaftlichen Wert solcher Merkzeichen entscheidet? Oder doch? Wer bestimmte und wer bestimmt derzeit überhaupt darüber, was in den notwendigen stadterweiterungsmaßnahmen, im notwendig deklarierten stadtumbau bleiben darf und was nicht und auch warum? – Mit diesen Fragen sind wir nun in jenes heikle Gebiet vorgedrungen, das nicht nur Jörn Walter vor dem Hintergrund des wachsenden Einflusses der Immobilienwirtschaft nach der jahrtausendwende mehrfach umkreist hat. Es betrifft die Fragen, wem die Stadt eigentlich gehört? Wer beschließt, was verändert werden darf und wie sich in diesem Umfeld die Architektinnen und Architekten unserer Tage dazu – darf ich sagen: verhalten sollten? Wir alle wissen, dass diese Fragen heute vor dem Hintergrund einer weit gestreuten abriss- und neubauwelle zu klären sind. Wir alle gehen davon aus, dass die Fachleute des Denkmalschutzes diese Dinge schon im Sinne des geschützten Merkzeichens klären werden. Wir alle aber wissen aus bitterer Erfahrung ebenso, dass der Schutz des eingetragenen Denkmals vor Abriss und Scheinsanierung keineswegs schützt. Der bewilligte Abriss des Hamburger City-Hofs mit den vier Scheibenhochhäusern sind dafür ein prägnantes Beispiel. (käuflichkeit). Und dass der Denkmalschutz großartige Bauwerke wie das Hamburger „Deutschlandhaus“ geradezu blind übersehen hat, gibt der Frage, was denn überhaupt als Merkzeichen einer Stadt gelten darf, ein hohes Maß an Aktualität. Was also ist zu bedenken und was ist zu tun?

Ich möchte an dieser Stelle auf einen prominenten Fall in der History of Building demolition zu sprechen kommen, der in New York der 1950er und 1960er Jahre Furore gemacht hat. Damals plante die Betreibergesellschaft der New Yorker Pen Central Corporation (?) den 1913 fertiggestellten Grand Central terminal abreißen zu lassen. An die Stelle des in Beaux Arts-tradition errichteten inzwischen vollkommen verwahrlosten Bahnhofsgebäudes sollte ein Neubau treten, für den der heute als Stararchitekt gefeierte I.M.Pei 1954 ein Aufsehen erregendes einschaliges Hyperboloid-gebäude entworfen hat. Der als konstruktive Meisterleistung gefeierte Entwurf blieb jedoch Projekt, weil er zu teuer war. Inzwischen waren erste Proteste gegen den Abriss laut geworden und so präsentierte der mit dem Dessauer Bauhaus und Walter Gropius verbundene Marcel Breuer 1968/69 einen Alternativentwurf. Unter dem Anspruch der Bestandwahrung hatte Breuer eine 55 Stockwerke umfassende Sky scraper-Überbauung vorgesehen, gegen die sich jetzt eine breite Bürgerbewegung formierte, in der Frauen eine prägende Rolle gespielt haben. Zu ihnen gehörte Sibyl Moholy-Nagy, die am New Yorker Pratt Institute Architekturgeschichte lehrende Witwe des Bauhausmeisters Laszlo Moholy-Nagy. Zum Strauß ihrer damaligen Argumente gehörte u.a. der Hinweis, dass Breuers Überbauungsprojekt geradezu autistisch den Geboten des sich dem Bodenverwertungsdruck anpassenden modernen Bauens unterworfen habe. Und tatsächlich hatten schon die Abrissbefürworter des Central Terminal damit argumentiert, „… das dass zentral gelegene New Yorker Grundstück mehr wert sei als das Gebäude selbst und es angesichts des Grundstücksmangels in Manhattan sinnvoller sei, auf ihm … weitere Hochhäuser zu errichten.“ Letztlich war es wohl dem Engagement der ehemaligen Präsidentengattin Jacqueline Kennedy und ihrem Prominentenbonus zu verdanken, dass Breuers Projekt nicht realisiert wurde und Grand Central erhalten blieb. Heute schützt ihn, da der Bahnhof seine dominante Verkehrsfunktionen weitgehend verloren hat, der Status der denkmalgeschützten Sehenswürdigkeit mit einträglicher Eventfunktion.

Was uns in New York als Lehrstück präsentiert wurde, entspricht der Sachlage, dass der Erinnerungswert eines Gebäudes oder eines Gebäudeensembles keineswegs mit seinem künstlerisch ästhetischen Programm allein identifiziert wird. Vielmehr konkurriert der Erinnerungswert eines Gebäudes mit dem Marktwert des Grund und Bodens, auf dem es steht. Möchte man nun diese beiden Komponenten aus Erinnerungswert und Marktwert produktiv überlagern, so sind Positionen, wie sie Breuer im Konzept der verdichteten Überbauung des Grand Central Terminals vorschlug, naheliegend und seit längerem wieder im Trend. Erst im vergangenen Jahr hat ein solches Konzept den Internationalen Hochhauspreis gewonnen. Ähnlich wie in Berlin der Restbestand des im Krieg weitgehend zerstörten Hotels Esplanade in den 1990er Jahren zunächst versetzt und dann in die Neubebauung des Sony Centers am Potsdamer Platz integriert wurde, so hat man auch in Mexiko Stadt eine einst stadtbildprägende, denkmalgeschützte Villa temporär transloziert und sodann mit dem 57geschossigen Torre Reforma überbaut. Nun möchte ich spekulieren, dass eine Sibyl Moholy-Nagy dieses Projekt seiner ökonomischen Hörigkeit wegen heftig attackiert hätte. Und ebenso laut hätte sie wohl den Verlust des authentischen Charakters eines vergleichsweise zierlichen Denkmals beklagt. Schließlich ist die denkmalgeschützte Villa ihrer Eigenart insofern beraubt, als sie in einer räumlichen Collage gleichsam zur Spolie degradiert wird.

Aber ist diese Kombination aus alt und neu nicht eine sinnvolle Möglichkeit des Dialogs? Immerhin finden wir Kombinationen dieser Art in einigen Großprojekten der letzten Jahre, die den Drahtseilakt zwischen Erinnerungsschutz und Wertzuwachs durch Neubebauung zu bewältigen versuchten. Eines der Beispiele ist die Europäischen Zentralbank in Frankfurt a. m., wo das Wiener Architekturbüro COOP Himmelb(au) die wunderbare, unter Denkmalschutz stehende Großmarkthalle Martin Elsässers aus den Jahren 1927/28 perforieren ließ, um sie allerdings im hyperbolisch geschnittenen gläsernen Büroturm zu überformen und als nachrangige, erdgebundene Raumfigur unter sich zurückzulassen. Eine ähnliche Zwitterfigur ist natürlich auch die Elbphilharmonie, über die ich an diesem Ort gewiss nicht sprechen wollte – das ist schließlich ihr Terrain -, die aber in diesem Kontext unbedingt zu nennen ist. Allemal wird in der Überbauung des Kaispeichers A von Werner Kallmorgen aus 1960er Jahren sichtbar, dass die Idee Breuers nachwirkt. In ganz ähnlicher Weise plant man derzeit in Bremen, wo die typologisch angereicherte Nachkriegsmoderne respektvoll bearbeitet werden soll.(Sauerbruch-Hutton)

Vor diesem Hintergrund möchte ich zum Schluss auf einen Aspekt zu sprechen kommen, der in meiner Argumentation zwar mitschwang, den ich aber nicht explizit ausgeführt habe. Ich spreche von der Bedeutung, die dem Merkzeichen im politischen Diskurs zugeschrieben wird und der den Erinnerungswert eines Bauwerkes und damit sein Existenzrecht entscheidend mitbegründet. Ich möchte diese Überlegungen angesichts des 30jährigen Jahrestages des Mauerfalls, den wir ja 2019 begehen, im Umfeld jener Abrisse tun, die wir just im Vereinigungsgetümmel sowohl in Ost- wie in Westdeutschland zu verzeichnen hatten. Dass wir es dabei mit politisch kalkulierten Aktionen zu tun haben, ist nicht allein in der Niederlegung jener Staatsikone der DDR, also im Abriss des Palasts der Republik offensichtlich geworden. Auch das ortsdefinierende, denkmalgeschützte Zeichen einer optimistischen, sozialistischen Freizeitkultur wie das Café Ahornblatt von Ulrich Müther auf der Ostberliner Fischerinsel, ist 2000 abgeräumt worden. Ähnliches spielte sich in Hannover ab, wo das Gebäude des US-amerikanischen Konzerns IBM von Dieter Oesterlen nach Leerstand und Verwahrlosung 2013 eleminiert wurde und damit ein Wahrzeichen des US-amerikanischen Wohlstandsversprechens, das den Wiederaufbau der demokratischen Bundesrepublik mental so erfolgreich unterstützt hat. Immerhin konnte der geplante Abriss des denkmalgeschützten Landtagserweiterungsbaus, den Oesterlen ab 1957 mit den Ruinenresten des klassizistischen Hannoveraner Leineschlosses verschränkte aus ökonomischen Gründen zumindest teilweise verhindert werden. Derzeit wird über den Abriss des denkmalgeschützten „Huthmacherhauses“ von 1955/57 im Bereich des Berliner Breitscheidplatzes am Bahnhof Zoologischer Garten debattiert. Ein neuer Entwurf liegt bereits vor, der interessanter weise Elemente paraphrasiert, die dem benachbarten „Bikinihaus“ mit seinem Freigeschoß einst Unverwechselbarkeit gaben. Beide Projekte der Architektengemeinschaft Paul Schwebes/Hans Schoszberger repräsentieren auf einzigartige Weise die Wiederaufbaustimmung der einstigen zerstörten Haupstadt und dies in einer bestechenden Interpretation moderner architekturformen. Man sah sie an vielen Orten Berlins, so im Kaufhaus Held, das Schwebes 1953 entwarf und darin die Tradition der Erich Mendelsohnschen Dynamik aus der Weimarer Republik wieder aufleben ließ. Auch das Kaufhaus Held ist inzwischen verschwunden. An einem der zentralen Plätze Westberlin, am Ernst Reuter Platz steht das nach Plänen Ernst Binders um 1970 errichtete denkmalgeschützte, inzwischen durch Leerstand vollkommen verwahrloste Bürogebäude zur Disposition. Wenn nun in Hamburg das Deutschlandhaus der beiden jüdischen Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld niedergelegt und durch einen Entwurf ersetzt werden soll, der den Charakter des gewohnten Merkzeichens im Gebäudeumriss und seiner Fassadenstruktur aufgreift, um im inneren einen Garten Eden unter Palmen zu verheißen, so ist zu fragen, warum eigentlich nicht das bestehende Bauwerk geschützt und saniert wird? Aus ökonomischen Gründen oder auch deshalb, weil man diesen traditionsbestand und dessen Architekten mit der NS-Zeit verbínden muss, die in Identitätskonstruktionen heute angesichts einer ach so bedeutsam aufgeladenen langen Nationalgeschichte Deutschlands lapidar als Insektenkotjahre bezeichnet wird? Will man just jene räumlichen Identitätsmuster abräumen, die wie die Hochausscheiben des City Hofes, mit der Gewaltgeschichte Deutschlandes zwar nicht unmittelbar, aber doch als Auswirkung zu verbinden sind? Hier könnte sich der Schutz der baulichen Identität, den sich der BDA Hamburg für das neue Jahr zur Aufgabe gemacht hat, im Bekenntnis zu den historischen Verwerfungen der Stadtgeschichte positionieren.

Zugleich aber bleibt zu bedenken, dass es immer die gleichen Argumente sind, die von Investorenseite für den Abriss ins Spiel gebracht werden: so hört man, dass der vorhandene Baubestand verwahrlost, mithin hinfällig sei; oder: die in den vergangenen Jahren erfolgten Sanierungsmaßnahmen hätten das Gebäude bereits im Kern so verändert, dass es seines Denkmalcharakters beraubt wurde und immer wieder, dass eine Erneuerung und der Erhalt des Altbestandes gegenüber einem Neubau zudem schlicht zu teuer sei. Dass man in diesem kalkulierten Poker der investoreninteressen wird ökonomisch überzeugen müssen, ist gewiss richtig. Vonnöten aber scheint mir eine grundlegende Veränderung im Feld der Bestandswahrung selbst.

Was also immer und überall vonnöten ist, ist das bürgerschaftliche Engagements zur Pflege von Gebäuden, das stadtpolitisch organisiert und garantiert werden muss, damit ein kalkulierter Verfall die Verwüstung verhindert. Einige von ihnen werden die Sentenz aus dem Architekturtraktat des Filarete von 1460 noch im Kopfe haben: Gebäude seien, wie er bemerkte, wie der menschliche Körper zu umhegen und vor Krankheiten zu schützen. Diese Schutzmetaphorik für Gebäude und Stadtareale ist heute konkret in Mentalitätsprägungen der Bewohnerinnen einzupflegen. Sie sind kommunalpolitisch in Formen eines altersbezogenen Quartiersmanagements zu unterstützen und dafür sollten wir Geld in die Hand nehmen. In einer solchen stadtpolitischen Verpflichtung gegenüber der Vielschichtigkeit räumlicher Identitätsmuster, in der behutsamen Erhaltung von prägenden Merkzeichen, die uns an den Wiederaufbau der kriegszerstörten Innenstädte nach 1949 erinnern sieht mein Widerspruchsgeist das Glas auch in kritischen Zeiten halb gefüllt.

Oder ist auch dieses Konzept im Industrialisierungszeitalter 4.0 bereits hinfällig? Schließlich scheint der Wert eines Originals und die Bedeutung des Authentischen in der computergenerierten Simulation beliebig zu werden. Wird nicht soeben das Er-leben mehr und mehr im virtuellen nach-erleben aufgelöst? Und ist nicht die neue Frankfurter Altstadtrekonstruktion erst in diesem Umfeld möglich geworden? Es muss nicht alt sein, es muss nur so ausschauen. Und werden Gebäude nicht mehr und mehr zu kommunikationstechnischen Apparaturen, aus der Wohnmaschine jetzt der Wohncomputer, der die ausgefeilte Haustechnik an ein System delegiert, dem man blind vertrauen muss? Ein System, das meine Privatsphäre nicht zum Spielball marktorientierter Interessen macht? Nun, angesichts solcher Visionen, scheint mir das Glas übervoll zu sein. Ob es überlaufen wird? Diese Tendenz sollten die Architektinnen und Architekten des BDA nachdenklich und selbstkritisch unbedingt regulieren helfen.

 

 

 

 

 

Zur Einführung

Vortragstext noch in redaktioneller Bearbeitung

Theodor W. Adorno
und die Aktualität des Funktionalismus

„Der Akademie der Künste ist es eine Ehre, daß der Deutsche Werkbund für seine diesjährige Tagung Berlin und das, wenn auch fünf Jahre alte, so doch immer noch neue Haus der Akademie gewählt hat.“ Mit diesen Worten begrüßte der Schweizer Theatermacher Peter Löffler in Abwesenheit des Akademiepräsidenten Hans Scharoun am 22. Oktober 1965 die Tagungsgäste des Werkbundtages im Akademieneubau Werner Düttmanns in Berlin. Vor Löffler hatte der soeben zum Ersten Vorsitzenden gewählte ehemalige Berliner Senator für Wissenschaft und Kunst, Adolf Arndt, die Gäste willkommen geheißen und mit der Einladung der damals prominentesten kritischen Philosophen der Bundesrepublik Deutschland ein erstes Zeichen seiner Amtszeit gesetzt. Denn zum Thema der Werkbund-Jahrestagung „Bildung durch Gestalt“ hatte Arndt den in Frankfurt am Main lehrenden Philosophen Theodor W. Adorno um Mitwirkung gebeten und auf dessen Anregung auch den inzwischen in Tübingen ansässigen kritischen Marxisten Ernst Bloch als einen weiteren Vertreter jener Nachkriegsintellektuellen als Referenten gewonnen, die sich der selbstzufriedenen Wiederaufbaumentalität der Bundesdeutschen Kulturpolitik diskursiv entgegenstellten.

In diesem Rahmen hat Theodor W. Adorno vor 50 Jahren seinen wegweisenden Vortrag „Zum Problem des Funktionalismus heute“ gehalten. Im Verzicht auf die Präsentation einer leicht eingängigen Definition, was denn Funktionalismus sei, umkreiste Adorno im Hinwies auf die Werkbundgeschichte und die des Bauhauses in ausgewogenen Argumentationssträngen zentrale Begriffe der autorisierten (Architekten)-Schriften zum Phänomen des Funktionalen, um gleichsam im Fingerzeig auf seine im Entstehen begriffene Ästhetische Theorie den Stellenwert des Funktionalismus zwischen Zweckgebundenheit und künstlerischer Phantasie (fait social und Autonomie) einzukreisen und als Denkaufgabe, was “Funktionalismus heute“ sein könne, an die Produzenten des Bauens zurückzugeben: „Ästhetisches Denken heute müßte … über den geronnenen Gegensatz des Zweckvollen und Zweckfreien … (hinausgehen).“ Was war damit gemeint? Und sollte die Postmoderne in der Architektur das, was hier intendiert war, tatsächlich realisieren?

Viele der damals von Adorno angesprochenen Bezüge, die auf die sozialen und ökonomischen Bedingungen der modernen Architektur, Kunst und Musik hinweisen, sind mit der Modernekritik später aus dem Blick geraten. Interessanterweise lässt sich derzeit allerdings eine gewisse Renaissance der Adorno Lektüre feststellen, wenngleich sich die Einschätzung gegenüber der Kritischen Theorie im allgemeinen und der angenehm leichten Ironie gegenüber dem Mitverfasser der „Dialektik der Aufklärung“ im besonderen divergent äußert. Immerhin erfahren wir derzeit, dass „Professor Adorno am Flipper nicht zu schlagen war“ (FAZ 17. 11. 2015) und nicht nur im Deutschlandfunk hört man den Satz, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, von Zeit zu Zeit wie ein Motto zum Zeitgeist gerne referiert. Wenn der Begriff des „Funktionalismus“ – wenn überhaupt – heute eher abfällig beiläufig gebraucht wird, so bleibt doch die Überlegung virulent, warum Adornos Beitrag damals große Wirkung zeitigte und was sich in seinem Text für unsere Zeiten der verfeinerten Automatisierung und Roboterisierung von Gebäuden und Alltagsdingen von neuer Aktualität erweist.

Die Tagung des Werkbundes Berlin möchte in Kooperation mit der Akademie der Künste mehrere Facetten dieser Adorno Rede in Erinnerung rufen, um sie in die jeweiligen und heutigen Zusammenhänge einbinden zu können. Dieser Ansatz wird auf zwei Ebenen verfolgt werden. Der Nachmittag des 5. Februar wird kürzere Einzelbeiträge zum Thema umfassen; eine abendliche Podiumsveranstaltung soll Architekten, Gestalter und Theorieproduzenten zusammenführen, um zu prüfen, was Adornos Beitrag zum Funktionalismus für die Herausforderungen unserer ins Virtuelle sich verlagernden Zeiten heute bietet.

Prof. Dr. Karin Wilhelm

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